„Kurs voll und bei“
Als Regattasegler und ehemaliger Seefahrer fielen mir in unserem Segelverein hier und da einige falsch angewandte Fachausdrücke des Segelsportes auf. Selbst in Fachbüchern- und Blättern sind Ausdrücke zu finden, die fachlich oder wörtlich falsch erscheinen. Das hatte mich dazu inspiriert, Wörter aus der Sprache des Segelns und der Seefahrt genauer zu analysieren – warum sagt man dies oder das eigentlich so, oder woher kommt jener Ausdruck?
Die Sprache der deutschen Seefahrer ist nicht nur das Niederdeutsch der Küstenregion, sondern enthält viele Wörter anderer nordeuropäischer Sprachen. Aber auch Elemente aus dem Romanischen finden sich darin: z.B. kann die Bark ihre italienische Herkunft (Barka = Boot) schwer verleugnen.

Zu diesem internationalen Sprachgemisch fügen sich auch alt überlieferte Floskeln ein, deren Herkunft kaum zu ergründen sind.
Nun ist die Zeit der großen Segelschifffahrt fast vorüber, doch ihre über Jahrhunderte gewachsene Sprache lebt im Segelsport weiter. Da mag es nicht wundern, dass einige Fachausdrücke falsch oder anders angewandt werden. Denn wer das Segeln aus der Perspektive einer Jolle auf einem Weiher kennt, sieht die Dinge anders als der Matrose auf der Rah eines Klippers – obwohl beide vielleicht das Gleiche tun, nur in einem anderen Maßstab.
Einige Wörter der Seefahrt haben sich längst in unsere Alltagssprache eingefügt, ohne dass wir uns über deren Herkunft bewusst sind. Wer im Internet „surft“ oder den „Kurs“ an der Börse verfolgt, glaubt sich kaum mit der Seefahrt verbunden. Allenfalls beim satellitengestützten „navigieren“ im Automobil fühlt sich manch einer als Kapitän; Wobei er sich wahrscheinlich nicht daran stört, das Navigieren wörtlich übersetzt „Seefahren“ heißt. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.
Rudolf Havermeier
Die folgenden Berichte erschienen in der vereinsinternen Zeitschrift VERKLICKER
Mit „voll und bei“ wird ein Kurs hoch am Wind benannt, bei dem die Segel voll stehen. Mehr Höhe wäre „Kneifen“, wobei das Boot zwar einen kürzeren Weg nach Luv, aber weniger Fahrt macht.