
Alle Leinen klar? (2)
Das Handwerkszeug des Seglers nützt ihm nur dann, wenn er es richtig anwendet und handhabt. Die Kenntnis aller Leinen und Knoten mögen zwar den Wassersportler zum echten Seemann machen, helfen ihm aber wenig, wenn er sie an Bord falsch einsetzt.
Eine Leine kann nicht nur verbinden oder festhalten; sie kann auch Kräfte übertragen, Lasten verteilen, umlenken und Arbeit erleichtern. Das kennen wir von der Führung der Großschot. Erst durch die Umlenkung der Schot durch verschiedene Blöcke sind wir in der Lage, den Druck von mehreren Quadratmetern Segelfläche mit einer Hand zu halten.
In einem Block läuft die Leine über eine oder mehrere Scheiben. Eine Kombination aus Blöcken und Leine, mit der man Kraft spart, nennt man Talje. Große Taljen mit Blöcken von 3 und mehr Scheiben werden übrigens Gien genannt, kommen aber in der Sportschifffahrt kaum vor. Wie viel Kraft man spart, bzw. um welchen Bruchteil sich die Last verringert, zeigen die Parten am losen Block: z.B. bei 3 Parten (Arbeitstalje) muss man an der holenden Part nur 1/3 der Kraft aufwenden. Dabei zählen sowohl die laufenden Parten wie auch die stehende Part. Allerdings muss man dabei auch 3mal soviel Leine durchholen.
Umgekehrt kann man mit einer Talje auch Dinge schneller bewegen, wenn man sie an der holenden Part befestigt und den losen Block durchholt. Dabei muss man natürlich ein Vielfaches der Kraft aufwenden, denn die Talje wirkt dabei nun in umgekehrter Richtung. Das geht natürlich nur mit leichten Sachen – z.B. mit dem Spinacker. Mit einem Zug von einem Meter Leine rauscht er in einer Sekunde 4 Meter nach oben – wenn alles glatt läuft.
Bei allen Taljen geht aber ein bisschen Kraft durch die Reibung der Leine in den Blöcken verloren. Grundsätzlich gilt: je größer der Scheibendurchmesser, desto besser läuft die Leine. Die Scheibe sollte mindesten den 3fachen Durchmesser der Leine haben, bei Drahttauwerk sogar den zehnfachen.
Die Konstruktion mit dem ungewöhnlichen Namen Takel und Mantel ist eine „Reihenschaltung“ mehrerer Klappläufer, die jeweils die Last halbieren. Ungewöhnlich aber nicht unerklärlich ist ebenso der Name „Bierkasten“ für eine Talje in kompakter, geschlossener Form, denn die landläufige Bezeichnung von Talje ist „Flasche“.
Zur Kraftersparnis kann man sich auch schnell eine Talje ohne Block herstellen. Als Umlenkung dient dabei eine einfache Schlaufe in der stehenden Part.
Wenn die Zuglast einer Leine auf mehrere Punkte verteilt werde soll, knotet man eine Hahnepot (Hahnenfuß). Vom Fuß des Vogels spreizen sich zwar immer 4 Zehen ab, den Namen verwenden wir aber für alle Verbindungen, bei der Leinen in verschiedene Richtungen abspreizen. Ebenso die zum Spleißen aus der Leine herausgedrehten Kardeele bilden eine Hahnepot.
Auch Taljen müssen nicht nur an zwei Punkten angreifen. Für die Verteilung des Segeldrucks ist es besser, die Schotblöcke am Baum weit voneinander anzubringen. Für die Bedienung der Schot ist es jedoch nützlicher, die Parten der Talje parallel zu einander laufen zu lassen, denn mit jedem Grad Spreizung der Parten verliert die Talje ihre eigentliche Wirkung (s. Kasten).

Alle Leinen klar? (3)
Dank moderner Beschläge ist die Handhabung der Leinen zur Segelführung einfach und die Kenntnis der Knoten fast überflüssig geworden. Nur beim Festmachen des Bootes ist noch echte Seemannschaft gefragt. Auf dem Deck des Bootes ist die Führung der Leinen durch die Anordnung der Beschläge vorgegeben, aber im Hafen und an der Pier ist die Situation nicht immer so, wie es im Lehrbuch steht. Hier ist beim Segler auch manchmal Kreativität gefragt. Das Belegen auf Poller, Klampe, Pfahl und Ring kann noch in der gängigen Seglerlektüre nachgeschlagen werden, der Kontratörn über den Kreuzpoller gehört aber nicht zum abfragbaren Wissen des lizenzierten Sportbootfahrers.
Auch Rücksichtname auf die Nachbarlieger und Hilfe beim Anlegen sollten zu den Tugenden des guten Seglers gehören, werden aber zunehmend vermisst. Da liegen oft Wulings von Festmacherleinen auf dem Steg als Stolperfallen. Oder über der Achterleine türmen sich die Festmacher der Nachbarn, so dass man beim Ablegen die halbe Flotte der Marina verholen muss. Rücksichtnahme und gute Seemannschaft bedeutet: Wer auf einem bereits belegten Poller oder Pfahl festmachen will, steckt die Leine von unter durch das Auge oder die Bucht der anderen Leinen. So kann jeder seinen Festmacher loswerfen, ohne die anderen dabei umständlich losmachen zu müssen. RH