Immer in Bewegung
Sport ist Bewegung, und dass ein Segelboot ein Sportfahrzeug ist, beweist es uns in seiner Vielfalt von Bewegungen. Zwar sind wir mit anderen Fahrzeugen vielleicht beweglicher, aber kein anderes scheint so viele verschiedene Bewegungsarten zu beherrschen wie das Boot.
Vorwärts, oder sagen wir besser Fahrt voraus, das können alle. Beim achteraus fahren tut sich nicht nur das Segelboot schwerer, unser Fahrrad beispielsweise tut es ganz und gar nicht. Nur Schienenbahnen fahren rückwärts genau so gut wie vorwärts, aber damit ist ihr Bewegungsspielraum schon erschöpft.
Anderen Fahrzeugen ist es möglich, ihre Bewegungsrichtung zu ändern; Den Kurs ändern nennen wir das beim Boot. Nur das Segelboot tut das auch in Beziehung zu seiner Antriebsquelle, dem Wind. Das heißt dann je nach Richtung anluven (zum Wind hin) oder abfallen (vom Wind weg). Beim Aufschießen luvt das Boot soviel an, bis es im Wind liegt. Dreht es aber ganz mit dem Bug durch den Wind, fährt es eine Wende. Umgekehrt halst es mit dem Heck durch den Wind.
Bei allen Fahrzeugen, auch beim Segelboot, müssen wir Richtungsänderungen steuern. Das Segelboot scheint aber manchmal selbst den Kurs bestimmen zu wollen. Es giert dann scheinbar eigensinnig in eine Richtung. Der Grund der Luv oder Leegierigkeit liegt meist hoch über den Köpfen der Mannschaft an einer falschen Segelstellung.
Die hoch im Segel erzeugte Antriebskraft ist auch die Ursache der Krängung. Diese seitliche Kippbewegung kann schließlich zur Kenterung führen, ist aber mit Ballast oder akrobatischer Leistung der Mannschaft zu bezwingen.
Leichte Segelboote kentern zwar leicht, segeln aber auch schneller. Besonders in frischen Brisen kommen sie oft ins Gleiten. Dabei hebt sich das Boot etwas an und verdrängt weniger Wasser. Das Boot „reitet“ dann auf der eigenen Bugwelle. In hohen, langen Wellen können leichte Boote auch schneller werden, wenn sie die Wellen hinunter surfen*.
Bewegung kann auch unangenehm sein; und zwar, wenn wir sie nicht selbst beeinflussen können. Das Schaukeln der Wellen bewegt nicht nur Boote, sondern hat auch schon oft die Gemüter von Seereisenden bewegt.
Fährt ein Boot dwars (quer) zum Seegang, stampft es je nach Form und Größe mehr oder weniger heftig. Kommt der Seegang längsseits zum Boot, schlingert und rollt es. Diese, für das Wohlbefinden äußerst negativen Bewegungsarten, werden auf Segelbooten durch die Segel merklich gedämpft, wenn der Wind seitlich einfällt.
Die seitliche Windeinwirkung bewegt das Boot aber auch in einer anderen Weise. Weil unsere fünf Sinne sie nicht wahrnehmen, kann diese Bewegungsart uns auch üble Überraschungen bringen: Das Boot driftet ab. Der Wind oder eine Strömung können das Boot weit vom angestrebten Ziel versetzen.
Von solchen äußeren Einflüssen bleibt auch ein verankertes Boot nicht verschont. Wind oder Strom lassen es an der Ankerleine um den Anker schwojen; sofern der Anker hält. Hält er nicht, schliert er, treibt das Boot und bewegt sich unkontrolliert fort.
Beim Verholen an einen sicheren Liegeplatz am Steg oder im Hafen bewegen wir das Boot mit Leinen, Bootshaken oder kurz mit anderem Hilfsantrieb, wie Paddel oder Motor. Aber auch im Hafen festgemacht, bleibt ein Boot nicht bewegungslos. Es dümpelt im bewegten Wasser und ruckt an seinen Leinen.
Gibt es ein anderes Fahrzeug, das sich in so vielfältiger Weise, ja selbst im „Ruhezustand“ bewegt? Oder beherrschen Boote etwa noch mehr Bewegungsarten?
Obwohl sich große Schiffe durch Laden und Löschen schwerer Fracht immerhin etliche Meter auf und abwärts bewegen, kann das Segelboot z.B. beim Schleusen nur mit dem Wasserstand steigen und fallen. Nur die Abwärtsbewegung gelingt unserem Fahrzeug auch allein. Aber nur einmal beim Sinken. RH
* Surfen ist Bewegung durch Wellenenergie, nicht der Antrieb durch den Wind (vergl. Windsurfing).