Der Bulle ist los im Revier
Aus der Reihe: Exkursionen in die Sprache der Seemannschaft
Wenn wir als Segelsportler Fachausdrücke aus der altüberlieferten Sprache der Seefahrer benutzen, kann das schon manchmal zu falschen Deutungen kommen. (In zurückliegenden Ausgaben berichtetet ich bereits darüber). Selten führt der Gebrauch seemännischer Ausdrücke zu falschen Reaktionen bei den Mitseglern, doch mag der eine oder andere sich vielleicht Gedanken über die Herkunft seltsamer Wörter machen.
Als Beispiel fällt mir der „Bullenstander“ ein. Den Seglern aus der Küstenschifffahrt ist diese Hilfseinrichtung zum Vermeiden einer Patenthalse bekannt. Eine Leine wird vom Großbaum nach vorn gesetzt, um das ungewollte Schifften des Segels zu verhindern.
Ein Stander, so kann man es im Seglerlexikon nachlesen, ist ein Ende zum Befestigen. So weit so gut – aber was soll nun der Bulle an Bord einer Yacht? Ist das nur als Metapher gemeint? Als Sinnbild für eine Leine, mit der man einen unbändigen Stier am Durchgehen hindert? Diese Deutung liegt nahe, ist aber falsch.
In den germanischen Sprachen gibt es oft Übersetzungsfehler, die auf dem Wortlaut basieren – etwas klingt ähnlich, bedeutet aber etwas ganz anderes. So auch in unserem Fall: Der Bullenstander kommt vom Bulinstander, einer Leine aus der Zeit der Rahsegler. Die Bulin, auch Buline oder Buleine genannt, wurde im Liek des Segels über dem Hals angeschlagen, um dem Segel einen besseren Stand zu geben. Bulinen (aus dem Skandinavischen abgeleitet von Bugleinen) hielten das Segel in Richtung Bug fest. Sinn und Zweck der Buline haben sich also in der Segelschifffahrt kaum geändert, nur die Form des Segels und die des Wortes haben sich etwas gewandelt.
Nebenbei bemerkt: Der Hals des Rahsegels ist an der unteren Ecke der Luvseite (bei unseren Schratsegeln übrigens auch). Wechselt das Schiff die Luvseite, wird die gegenüberliegende Ecke des Segels zum Hals – daher kommt der Ausdruck Halsen.
Dass die Buline auch schon mal unter den Knoten zu finden ist, beruht darauf, dass sie englisch „bowline“ heißt und dieses Wort auch die Übersetzung von Palstek ist.
Ein anderes Wort aus der Küstensegelei, die „Revierfahrt“, wird ebenfalls oft falsch interpretiert. Revier, so berichte das Lexikon, ist ein begrenztes Gebiet. Richtig, die Revierfahrt bezieht sich auf das Gebiet der Hoheitsgewässer eines Landes, weiß der BRScheininhaber, so steht es auch im Sportbootführerschein See.
Aus den Überlieferungen der Seefahrer entnehmen wir aber eine ganz andere Deutung: Im SeemannsPlattdeutsch (nicht bei den Binnenschiffern) heißt Revierfahrt Flussfahrt. Aus dem französischen rivière ([rivje:r] = Fluss, der ins Meer mündet) soll das Wort über das Niederländische in die niederdeutsche Sprache gekommen sein, berichtet Richard Wossidlo in seinem Buch über das Platt der Fahrensleute. Dazu ist anzumerken, dass für den Seemann der Fluss nicht in der Mündung beginnt*, sondern weit draußen davor, bei dessen Ansteuerungstonne. In deutschen Gewässern beginnt bei der Betonnung des Fahrwassers die SeeSchifffahrtsStraßenOrdnung und somit die Hoheit des Staates. Damit ist die Bedeutung des Wortes also wieder auf einem Nenner. Aber die Frage, wer zuerst da war – Ei oder Henne – kann hier eindeutig zu Gunsten der alten Seefahrer entschieden werden. RH
* Der Seemann bezeichnet den Fluss von See kommend, der Binnenschiffer von der Quelle aus.