Gar nicht übel
Ein leckerer Rotwein, gut gereifter Käse, feine Salami, Tomaten, Schokolade…
Das sieht nach einer Proviantliste für einen rundum gelungenen Segeltörn aus – oder doch nicht?
Biologisch gesehen gehört der Mensch aufs feste Land und nicht auf die See. Das wissen vor allem diejenigen, denen der schwankende Untergrund schon mal zu einem Problem geworden ist.
Seekrankheit ist so alt wie die Seefahrt und hat bis heute noch kein wirkungsvolles Gegenmittel gefunden. Es werden zwar für Millionenbeträge Arzneien gegen Übelkeit geschluckt, gekaut und geklebt, doch scheinbar helfen sie nur dem Apotheker. Laut Umfrage sind Menschen ohne medizinische Gegenmittel weit weniger anfällig für das Übel, das einem auf schwankenden Schiffsplanken überkommen kann.
Die Ursache des Lusthemmers der Seefahrt schien bisher lokalisiert zu sein. Der Gleichgewichtsinn im Innenohr trägt die Verantwortung. Das belegen auch die Beobachtungen an Menschen, die immun gegen Seekrankheit sind: Kleine Kinder, deren Gleichgewichtssinn noch nicht trainiert ist und Taubstumme mit einer Störung im Innenohr werden kaum von Kinetose heimgesucht.
Jetzt ist die medizinische Forschung aber dem wahren Übelkeitstäter auf die Spur gekommen. Sein Name: Histamin. Wenn dieses vom Körper produzierte Hormon vermehrt ausgeschüttet wird, kommt es schließlich zu Vergiftungserscheinungen mit den bekannten Symptomen. Die „Irreführung“ des GleichgewichtsSinnes, Angstzustände und nicht zuletzt die Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel (s. oben) führen zu verstärkter Histaminproduktion und somit auch zur Seekrankheit, meint Professor Reinhart Jarisch aus Wien. Seine Studien belegen aber nicht nur Ursache und Wirkung, sondern er hat auch gleich das Gegenmittel parat.
Nach Forschungsergebnissen wird Histamin im Körper durch Vitamin C abgebaut. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Skorbut, die altbekannte Geisel der Seefahrer, als ständiger Begleiter auf langen Reisen mitfuhr. Denn nicht allein der Mangel an Vitaminspendern auf See, sondern auch der verstärkte Abbau des Vitamins C im Körper der Fahrensleute durch den ständigen Einfluss der See, führte schließlich zu den schlimmen Begleiterscheinungen der Seefahrt.
Somit sind wir heute weit besser dran. Nicht nur die gekühlte Proviantkiste hält genügend frisches Obst zur Auffrischung des Vitaminspiegels bereit; bei akutem Anfall von Übelkeit empfiehlt Professor Jarisch auch Vitamintabletten zu lutschen.
Und noch ein Gegenmittel hält Jarisch bereit: Ausreichender Schlaf. Nichts senkt den Histaminspiegel im Blut so gut wie der Schlaf.
Bei aller Liebe zur Seefahrt muss ich gestehen, dass mich das Übel der Seekrankheit auch schon erwischte. Im Nachhinein weiß ich nun auch den Grund. Wenn man nach einem ausgefüllten Tagesprogramm statt dem Körper den wohlverdienten Schlaf zu gönnen, auf die Idee kommt, die anschließende Nacht mit einer Segeltour in steifer Briese auszufüllen, hätte mein Körper wohl auch ohne Seegang rebelliert und sein Recht „eingeklagt“. Doch die These vom Schlaf kann ich nur bestätigen: Nach einem kleinen Nickerchen in der Koje stand ich wieder erholt an Deck und war zu neuen Abenteuern bereit.
Trotzdem werde ich wohl vor dem nächsten Törn die Proviantliste auf Vollständigkeit überprüfen – Rotweinü, Hartkäseü, Schokoladeü, Thunfisch…
Eine ausführliche Auflistung der zu meidenden Lebensmittel und sonstige Hinweise findet man beim „googeln“ unter > Histamin. Der Bericht über Professor Jarisch’s Erkenntnisse erschien in der Zeitschrift „mare“. Rudolf