Von Fall zu Fall
Reist ein Tourist in ein fremdes Land, muss er sich in einer fremder Sprache verständigen. Geht ein Segler vom Land auf’s Wasser, bemächtigt er sich ebenfalls einer anderen Sprache: Schoten, Wanten, anluven, aufschießen und andere seltsame Vokabeln werden gebraucht, die man im tägliche Leben an Land niemals hört oder dort andere Bedeutungen haben.
In den vorigen Ausgaben des Verklickers ging es um Abdrift kontra Beschickung, um Holebug und Streckbug, oder um etliche „bewegende Worte“ die der Landratte völlig fremd sind. Ob der Backschafter die Backstagen an Backbord backhält, oder was es mit dem Wort „back“ noch so auf sich hat, können wir erst in einer der nächsten Ausgaben klären. Hier soll nun ein Fall aufgeklärt werden, über den ich in einer Anleitung für Segeltrainer stolperte: Das Wort Fall.
Wir kennen Großfall, Fockfall, Mastfall, Schwertfall… doch hoppla, da werden schon Äpfel mit Birnen vermengt. Der Mastfall ist etwas völlig anderes als z.B. das Großfall. Hierbei handelt es sich nicht um eine Leine oder sonst eine Bootsausrüstung, sondern um ein Maß; genauer gesagt, um ein Winkelmaß.
Üblicherweise wird angenommen, dass der Mast aufrecht steht. Das ist aber meist nicht der Fall. (Schon wieder so ein Fall von „Fall“). Er „fällt“ etwas in Richtung Heck – deshalb eben Mastfall. Je mehr sich der Mast nach achtern neigt, desto größer der Mastfall.
Das Bestreben der ehrgeizigen Segler ist es, diesen Fall genau zu bestimmen. Dazu eignet sich vorzüglich ein Fall, am besten das Großfall. Mit einer angesteckten Verlängerung wird das Fall vom Masttop zum Spiegel des Bootes gestreckt und die Länge gemessen. Nun kommt der eigentliche Knackpunkt: Je kleiner das Fall, desto größer der Fall – (je kürzer das Großfall, desto mehr Mastfall).
Kurzum: Beim Fall müssen wir klar und deutlich mit dem dazugehörigen Artikel ausdrücken, was wir eigentlich meinen, „der“ oder „das“.
Wenn auch andere Fremdsprachen mit einem einzigen Artikel auskommen, unsere Seglersprache tut es nicht, wie jener Fall beweist. Andernfalls kommt es zu einem unverständlichen Kauderwelsch, wie im besagten Fachaufsatz, in dem von Fall zu Fall der Mastfall seinen Artikel wechselte und dem fachkundigen Leser einen ungelösten Fall hinterlies. RH
Anmerkung: Beim Lösen des Falls den Achtknoten nicht vergessen!
Meistens falsch erklärt – der sogenannte Radeffekt
Manchmal wird er als störend oder lästig empfunden, ein anderes Mal als hilfreich und nützlich – der Radeffekt beim Propellerantrieb. Rückwärts macht er sich besonders bemerkbar, das Heck des Bootes driftes beim Anfahren zu einer Seite weg. Doch wer das geschickt ausnutzt, kann damit das Boot manövrieren wie mit einem Bugstrahlruder – allerdings nur zu einer Seite.
Was Anfänger irritiert und alte Fahrensleute bei Hafenmanövern häufig nutzen, wird in den meisten Lehrbüchern falsch erklärt (so auch bisher in unserem SKSKurs, weil Navigationslehrer auch aus Büchern lernen). Richtig ist, dass das Heck vom Propeller seitlich versetzt wird, als ob der Propeller wie ein Rad am Grund entlang liefe. Falsch ist die Erklärung der Ursache. Es ist nicht allein der mit der Tiefe zunehmende Druck im Wasser, sondern ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die das Heck der Bootes zur Seite drücken. Wer es genau wissen will, kann es nachlesen unter www.nautischeslexikon.de > Seemannschaft.
Dank an Matthias, der mich darauf aufmerksam machte.